Epochenumbruch 18./19. Jahrhundert: Romantik

Projekt des Gymnasiums der Stadt Meschede

Stufe 12

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Motiv der Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geselligkeit

  • es bilden sich persönliche Freundschaften, gemeinschaftliche Treffen und Unternehmungen, spezielle Salons, Soireen, Nachmittagskränzchen, Diskussionen, „ästhetischer Tee", Vorleseabende, Tisch-, Abend- oder Reisegesellschaften
  • sie dienen der Verbreitung von Literatur, Diskussionen über die verschiedenen Werke gerade auch mit den Autoren, Poesie muss unterhaltend sein, dient für gesellige Anlässe, sollte Anstoß zu Diskussionen geben, anstatt eine feste Meinung vorzugeben. Jeder Zuhörer darf eine eigene Meinung zu dem Werk haben, jedoch sollte jede Diskussion zu einer Art Kompromiss als Ergebnis führen
  • durch die Gruppengespräche und Kritik wird das Werk erst zur Geltung gebracht
  • bürgerliche Literaten, Philosophen und Künstler ergänzen diesen Gemeinschaftskreis ( z.B. Achim von Arnim, Heinrich von Kleist)
  • Ziele dieser Gesellschaften sind der Wandel von der privaten zur öffentlichen Geselligkeit 
  • da politische Versammlungen verboten worden waren, waren diese privaten Versammlungen von Vorteil, da sie die Möglichkeit boten, sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken
  • ein öffentliches Publikumsorgan schaffen sich manche dieser Gesellschaften, z.B. vorübergehend in den „Berliner Abendblättern", wodurch sie ihren Ansichten zur Zukunft des preußischen Staates, zur Sicherung der preußischen Reformen, zur legitimen Herrschaft sowie zum militärisch-politischen Wiedererstarken Ausdruck verleihen können
  • Prototyp des Alltags ist zunächst der Kaufmann, dem gegenüber stehen die sogenannten Philister (Spießbürger).  In der Romantik werden sie zumeist negativ gesehen, im Gegensatz zum Biedermeier, wo die Behaglichkeit der allgemeinen Bedürfnisse und dem Lebensraum zum Ideal erklärt wurde.
  • die „spießbürgerlichen" Lebensgewohnheiten wurden nach Brentanos Philister-Satire und Eichendorffs Lustspiel „Krieg den Philistern" (1824) stets ironisch-freundlich oder humorvoll betrachtet
  • Gemeinschaft/Geselligkeit vollzieht sich häufig in einer malerischen Landschaft, der Natur (vgl. Joseph von Eichendorff „Sehnsucht")
  • Gemeinschaft und Geselligkeit wurde als Motiv in zahlreichen Gedichten verwendet. Ein Beispiel hierfür ist das „Wanderlied der Prager Studenten" von Joseph Eichendorff. Hier geht es um das Zusammensein der Studenten, Geselligkeit bedeutet etwas gemeinsam mit anderen in angenehmer Atmosphäre zu unternehmen. Das Wandern als gemeinsame Beschäftigung und das Lied verbindet die Studenten, Geselligkeit bedeutet Zusammenhalt, egal in welcher Situation („Morgenstrahl", „nacht durchs Städtlein", „wir streichen durch die Felder von Schnee und Regen nass").

    Textbeispiel:

    Joseph von Eichendorff, Wanderlied der Prager Studenten

    Nach Süden nun sich lenken
    Die Vöglein allzumal,
    Viel Wandrer lustig schwenken
    Die Hüt im Morgenstrahl.
    Das sind die Herrn Studenten,
    Zum Tor hinaus es geht,
    Auf ihren Instrumenten
    Sie blasen zum Valet:
    Ade in die Läng und Breite
    O Prag, wir ziehn in die Weite:
    Et habeat bonam pacem,
    Qui sedet post fornacem!

    Nachts wir durchs Städtlein schweifen,
    Die Fenster schimmern weit,
    Am Fenster drehn und schleifen
    Viel schön geputzte Leut.
    Wir blasen vor den Türen
    Und haben Durst genug,
    Das kommt vom Musizieren,
    Herr Wirt, einen frischen Trunk!
    Und siehe über ein kleines
    Mit einer Kanne Weines
    Venit ex sua domo -
    Beatus ille homo!

    Nun weht schon durch die Wälder
    Der kalte Boreas,
    Wir streichen durch die Felder,
    Von Schnee und Regen naß,
    Der Mantel fliegt im Winde,
    Zerrissen sind die Schuh,
    Da blasen wir geschwinde
    Und singen noch dazu:
    Beatus ille homo
    Qui sedet in sua domo
    Et sedet post fornacem
    Et habet bonam pacem!

Textbeispiel:

Wilhelm Müller, Brüderschaft

 

Im Krug zum grünen Kranze

Da kehrt´ ich durstig ein:

Da saß ein Wandrer drinnen

Am Tisch bei kühlem Wein.

 

Ein Glas war eingegossen,

Das wurde nimmer leer;

Sein Haupt ruht´ auf dem Bündel,

Als wär´s ihm viel zu schwer.

 

Ich tät mich zu ihm setzen,

Ich sah ihm ins Gesicht,

Das schien mir gar befreundet,

Und dennoch kannt´ ich´s nicht.

 

Da sah auch mir ins Auge

Der fremde Wandersmann,

Und füllte meinen Becher,

Und sah mich wieder an.

 

Hei, was die Becher klangen,

Wie brannte Hand in Hand:

"Es lebe die Liebste deine,

Herzbruder, im Vaterland!"

  • Gemeinschaft/Geselligkeit dient auch zum Aufbau eines Wir-Gefühls, das zu Nationalbewusstsein führen soll

Zur Geschichte der Salons:

Kennzeichnend für die Salonkultur ist, daß immer eine Frau Initiatorin ist. Dies hat einen gesellschaftlichen Hintergrund. Im französischen Adel des 17. und 18. Jahrhunderts sind die Aufgaben dem Mann bei Hofe zugewiesen (Jagd, Krieg). Die adlige Frau kann hingegen ihre freie Zeit verwenden, um sich geistreich zu unterhalten und entsprechend gebildete Personen zu empfangen. Der französische Salon des 18. Jahrhunderts ist eine zum Gedankenaustausch zusammengekommene Gesellschaft unter der „Leitung" einer Frau. Er ist stark philosophisch-politisch geprägt. Salonkultur wird in Deutschland erst mit dem Zeitalter der Romantik heimisch (Ende des 18. Jahrhunderts) und vertritt auch deren Position. Die ersten bekannten Salons entstehen in Berlin.

Somit vollzieht sich die Ausrichtung hier auf das künstlerische, literarische Gebiet und nur wenig auf das politische.

Ein Salon konnte nur von reichen, adeligen Damen eröffnet werden und auch nur dann, wenn der Mann zustimmte und die Frau finanziell unterstützte und ihr die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Meist tat dies der Mann, da ihm das Schaffen seiner Frau zu mehr Ansehen verhalf.

Die wichtigste Voraussetzung war, daß die Dame eine umfassende Bildung besaß.

 

Lesezirkel der Herzogin Anna Amalia in Weimar

aus: Beutin, Wolfgang u.a. Deutsche Literaturgeschichte, 2. überarbeitete und erw. Aufl., Stuttgart 1984, S. 155

Bedeutende Salons waren der Berliner Salon, der Salon der Henriette Herz (in ihm waren auch Männer vertreten) und der Salon der Rahel Levin (Rahel Varnhagen van Ense). Letzterer war ein ganz besonderer: In ihm waren sowohl Vertreter des Hochadels, wie Prinz Louis Ferdinand von Preußen, als auch Pauline Wiesel als einfache Schauspielerin und viele weitere interessante und gebildete Persönlichkeiten vertreten. In ihm entwickelte sich eine nahezu beispiellose Kreativität und Rahel Levins Salon erreichte dadurch seine Bedeutsamkeit.

 

 

Rahel Levin (verh. Varnhagen van Ense

aus: Schreyer, Reinhard und Ursula, Romantik, Berlin 1997, (Cornelsen), S. 50

Diese Form der Geselligkeit ist selbst schon eine Kunst. Das Arrangement von Menschen verschiedenen Standes, verschiedener Religion, verschiedenen Charakters besitzt wohl eine gewisse Einmaligkeit. Eines allerdings verband diese Menschen über alle Grenzen die oben erwähnte Kreativität. Fast alle betätigten sich irgendwie literarisch produktiv: entweder im Briefe-Schreiben, im Romane-Schreiben oder im Journalismus. Die Verbindung des Salons selbst war das Gespräch. Wer die Fähigkeit des Gesprächs nicht beherrschte, konnte am Salon keinen Gefallen finden. Das Gespräch selbst ist die Kunst des Salons, die Kunst der Geselligkeit.

Zur Festigung der Bekanntschaften und Freundschaften bildete sich eine Briefkultur heraus. In oft sehr langen Briefen beschrieben die Sender der Briefe ihre Erlebnisse sowie auch Gefühle und Sehnsüchte. Besonders die Sehnsucht nach der Nähe zur eigenen Familie und sehr guten Freunden kommt häufig zum Ausdruck. Ebenso wurden auch Bewertungen zu literarischen Werken weitergegeben.

Textbeispiel:

Jean Paul: Goethe liest ein Gedicht vor ...  An Christian Otto

[Weimar,] d. 18 Jun. Sonnabends. [1796]
Schon am zweiten Tage warf ich hier mein dummes Vorurteil für große Autores ab als wären´s andere Leute; hier weiß jeder, daß sie wie die Erde sind, die von weitem im Himmel als ein leuchtender Mond dahinzieht und die, wenn man die Ferse auf ihr hat, aus boue de Paris besteht und einigem Grün ohne Juwelennimbus. Ein Urteil, das ein Herder, Wieland, Göthe etc. fällt, wird so bestritten wie jedes andere, das noch abgerechnet daß die 3 Turmspitzen unserer Literatur einander — meiden. Kurz ich bin nicht mehr dumm. Auch werd´ ich mich jetzt vor keinem großen Mann mehr ängstlich bücken, bloß vor dem tugendhaftesten. Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Göthe. Die Ostheim und jeder malte ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde — Ostheim sagte, er bewundert nichts mehr, nicht einmal sich — jedes Wort sei Eis, zumal gegen Fremde, die er selten vorlasse — er habe etwas steifes reichstädtisch Stolzes — bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an (daher ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und inkrustieren damit ich mich ihm etwan im vorteilhaften Lichte einer Statue zeigen könnte — Ostheim rät mir überall Kälte und Selbstbewußtsein an). Ich ging, ohne Wärme, aus bloßer Neugierde. Sein Haus (Palast) frappiert, es ist das einzige in Weimar in italienischem Geschmack, mit solchen Treppen, ein Pantheon voll Bilder und Statuen, eine Kühle der Angst presset die Brust —endlich tritt der Gott her, kalt, einsilbig, ohne Akzent. Sagt Knebel z.B., die Franzosen ziehen in Rom ein. «Hm!» sagt der Gott. Seine Gestalt ist markig und feurig, sein Auge ein Licht (aber ohne eine angenehme Farbe). Aber endlich schürete ihn, nicht bloß der Champagner sondern die Gespräche über die Kunst, Publikum etc. sofort an, und  — man war bei Göthe. Er spricht nicht so blühend und strömend wie Herder, aber scharf-bestimmt und ruhig. Zuletzt las er uns — d.h. spielte er uns* — ein ungedrucktes herrliches Gedicht vor, wodurch sein Herz durch die Eiskruste die Flammen trieb, so daß er dem enthusiastischen Jean Paul (mein Gesicht war es, aber meine Zunge nicht, wie ich denn nur von weitem auf einzelne Werke anspielte, mehr der Unterredung und des Beleges wegen,) die Hand drückte. Beim Abschied tat er´s wieder und hieß mich wiederkommen. Er hält seine dichterische Laufbahn für beschlossen. Beim Himmel wir wollen uns doch lieben. Ostheim sagt, er gibt nie ein Zeichen der Liebe. 1 000 000 Sachen hab´ ich Dir von ihm zu sagen 
     Auch frisset er entsetzlich. Er ist mit dem feinsten Geschmack gekleidet. —  — 

aus: http://literatur-live.de/salon/brief18.htm

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© Stufe 12 LK´s Biologie (Herr Hartfiel/Frau Ranft), Deutsch (Frau Ammermann), Englisch (Herr Sommer), Geschichte (Frau Dr. Hoffmann), Schuljahr 2000/2001;  Erstellung der Webseiten: Dorothee Ammermann